Moderation von sensiblen Themen

February 21, 2019

Die Moderation von sensiblen Themen ist nur bedingt voraussehbar. Unsere innere Haltung gibt uns dabei Sicherheit.

Über 400 Kollegen eines Unternehmens sitzen gut gelaunt im Saal zusammen und verfolgen gespannt die Neuigkeiten der Geschäftsleitung. Plötzlich macht eine neue Nachricht die Runde. Auf der Bühne bekomme ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mit. Ich konzentriere mich auf das Interview. Die ersten Zuschauer verlassen aufgeregt den Saal. Die Stimmung wird unruhiger.

Emotionale Themen sind wie Sprengstoff, sie entfalten sich explosionsartig und sind nicht zu stoppen

Es gibt Veranstaltungen, da wissen wir vorab, dass es zu Tumulten kommen kann, dass sich im Publikum Lager bilden und es Zwischenrufe gibt. Das ist dann der Normalfall. Gut durchdacht und stark strukturiert, sind diese Diskussionsveranstaltungen gut zu meistern. Im schlimmsten Fall fliegt mal ein Ei oder eine Tomate. Wir können uns im Vorfeld gut vorbereiten und wissen, was uns erwartet.

Meistens trifft es uns völlig unvorbereitet – wie im richtigen Leben

Im Briefinggespräch vor der Veranstaltung spreche ich ganz gezielt mögliche Konflikte, auch politische und emotionale Fallstricke, an. Häufig sind dies wirklich unangenehme Themen mit Konfliktpotenzial, die unter dem Tisch gehalten werden. Diese kommen in der Vorbereitung häufig viel zu wenig Beachtung oder werden gänzlich ausgespart. In der Gesprächsrunde mag keiner sich zu schwelenden Konflikten äußern, etwas verunsichert widmet man sich lieber den freudigen Themen und Kernbotschaften.  Doch aufgepasst!  Wenn einige hundert Menschen zusammenkommen, dann ist eines gewiss: In den meisten Fällen gibt es auch die andere Seite der Medaille und es gibt Reizthemen, die unter der Oberfläche schwelen. Negativ besetzte und emotionale Themen sind Bestandteil unserer Kommunikation und folgen keinem akribisch aufgestellten Regieablauf.

In der Vorbereitung gezielt nach Konflikten Ausschau halten

Wir möchten als Moderierende keine Spielverderber sein und wenn wir belastete Themen ansprechen, werden wir nicht mit offenen Armen empfangen. Wenn wir genau hinschauen, müssen wir keine schmerzhaften Fragen stellen. Wir achten auf den Subtext im Gespräch, auf die leisen Zwischentöne und versteckten nonverbalen Zeichen. Ein häufiges Thema ist der Umgang mit den Mitgliedern des Betriebsrates. In der Regel nimmt die Geschäftsleitung die offensichtlichen Signale an die Kollengschaft nicht wahr. Es wird ohne Rücksicht angeordnet, wie zu kommunizieren ist. Ein absolutes No-Go, aber leider noch viel zu häufig praktiziert.

Weitere Signale für spätere Fettnäpfe in der Moderation können sein:
  • Stehen dem Unternehmen starke Strukturveränderungen bevor, bspw. Standortverlagerung, Stellenabbau, Stilllegung eines Produktionszweiges
  • Ist die Wahrnehmung des Unternehmens in der Öffentlichkeit eine andere als im Innenverhältnis. Gibt es da einen starken Kontrast?
  • Besteht eine starre Hierarchie und wenig Durchlässigkeit für innovative Ideen und Impulse
  • Gibt es im Vorgespräch wenig Flexibilität in der kreativen Ausgestaltung der Moderation?

Rücksichtslose Gäste treffen graue Mäuse mit brutaler rhetorischer Wucht

Häufig moderiere ich Veranstaltungen, die politisch oder für die Teilnehmer emotional eine Herausforderung ist. Im Rahmen von Bauprojekten geht es bei Gewerbetreibenden oft um den Verlust der eigenen Existenz. Die direkten Anwohner haben Angst vor schlaflosen Nächten und Belastungen der Umwelt. Überhaupt sind Ängste im Publikum allgegenwärtig. Diese sollten geschickt angesprochen und möglichst entschärft werden. Nicht verwechseln mit relativiert werden. Es helfen konkrete Beispiele und detaillierte wissenschaftliche, aber verständliche, Erklärungen, um die Wirksamkeit der Ängste zu verringern.  Schwieriger machen, es dann die Gäste im Publikum, die solche Art von Veranstaltungen als Bühne für ihren Narzissmus nutzen und die Protagonisten auf der Bühne ganz bewusst vorführen wollen. Voller rhetorischer Wucht. Diese professionellen Provokateure gilt es vor Beginn der Diskussion auszumachen und mit entschiedenen Worten in die Schranken zu weisen. Hier darf keinesfalls diskutiert werden, darauf legen die Ruhestörenden es gezielt darauf an. Es gilt die sachliche Diskussion sowie die anderen Gäste und Zuschauenden zu schützen.

Provozierenden Personen im Publikum die Grundlage nehmen:
  • Die Person gezielt und energisch ansprechen
  • Verständlich machen, dass zu diesem Zeitpunkt keine Unterbrechung der Ausführungen gewünscht ist – mit dem Verweis, später darüber zu diskutieren
  • Klar ansprechen, dass die Person scheinbar kein Interesse an einer sachlichen Diskussion hat
  • Konkret ansprechen, ab jetzt die Zwischenrufe zu unterlassen
  • Person des Raumes verweisen
  • Veranstaltung unterbrechen

„Er kann sich nicht so freuen, da sich sein älterer Bruder das Leben genommen hat.“

Im Rahmen einer Preisverleihung bitte ich einen jugendlichen Gewinner auf die Bühne, dem ich voller Freude einen ersten Preis überreiche. Das Publikum applaudiert tosend und wir feiern ausgelassen den Gewinner. Laute Musik ertönt. Doch er ist nicht so begeistert. Ich frage also gut gelaunt und im Scherz gemeint, was mit ihm los ist, ob er sich nicht über den Gewinn freuen kann? Er antwortet: „Ich kann mich nicht so freuen, da sich mein älterer Bruder letzte Woche das Leben genommen hat.“

Atmen!

Atmen! – heißt meine Antwort, wenn mich Klienten fragen, was man macht, wenn man von der Seite erwischt wird. Bähm! Gewinnspiel und Selbstmord sind eine anspruchsvolle Mischung.

Das Publikum verstummt, die gut gelaunte Hintergrundmusik wirkt plötzlich fehl am Platze. Ich legte den Arm auf seine Schulter und sagte, dass kein Preis der Welt ihn in dieser Situation trösten kann, dass wir dafür alle hier volles Verständnis haben. Zudem bedanke ich mich, dass er so offen ist und uns teilhaben lässt. Das ist der erste Schritt, diesen schmerzhaften Verlust zu verarbeiten.

In Sekundenschnelle stehen wir auf der Bühne am Grab eines Zwanzigjährigen.

Die Fachperson unter uns, denkt: Einigermaßen gut gehandhabt. Vielleicht etwas übergriffig, den Gast in den Arm zu nehmen. Doch der Gewinner lässt uns weiterhin teilhaben. Und nun kommt der Moment, für den ich so dankbar bin: Er sagt: „Er sei so wütend auf seinen Bruder.“ – Ja, ich verstehe ihn gut, einfach so zu gehen, ist nicht fair und macht uns Hinterbliebene wütend. Er ist tot und wir müssen das jetzt mit allen Emotionen, die da kommen, verarbeiten und klarkommen. Ja, gar weiterleben. Er ist über meine Reaktion überrascht. Seine Eltern sind verständnislos. Auch das ist gut zu verstehen, denn seine Eltern haben ein ganz anderes Verhältnis zu seinem verstorbenen Bruder als er.

Emotionale Momente in der Öffentlichkeit sind ein großes Geschenk

Ich merke, dass ich das Publikum langsam in die Überforderung bringe und meinen Bühnengast zudem vor zu viel Preisgabe von privaten Gefühlen schützen will. So etwas passiert in Millisekunden, hier im Text ist das etwas schwer zu schildern. Ich gebe ihm die Hand, bedanke mich aufrichtig für seine offenen Worte und wünsche ihm und seiner Familie viel Kraft. Zeige dem Publikum, wie schnell wir in solche emotionalen Momente kommen können, und dass wir uns in solchen Fällen Hilfe holen sollen. Wir haben heute alle das Geschenk erhalten, Einblick in so eine private Situation zu bekommen. Es gibt jetzt noch einen zweiten und dritten Gewinner.

Im Nachgang fallen einem sicher noch viele andere Möglichkeiten ein, diese Momente in Worte zu fassen. Für mich ist der Lerneffekt, dass ich mich nicht auf alles vorbereiten kann und meine gute Erdung mich nicht umfallen lässt. In fast 25 Jahren Bühnenerfahrung habe ich oft das Thema Tod oder Krankheit auf der Bühne zu Gast. Es erwischt einen immer überraschend, genauso wie beim eigenen Tod oder einer Krankheit. Das ist Live – das ist das Leben – das liebe ich.

Rote Köpfe bei den Zuschauern und Talk-Gästen – mein Sakko ist durchgeschwitzt

Im Rahmen eines überregionalen Bauprojektes lädt das Ministerium zu einer Diskussion ein. Viel Zündstoff liegt in der Luft. Das muss allen Beteiligten klar sein.

Die Diskussion ist im vollen Gange, rote Köpfe im Publikum und auf der Bühne. Mein Jackett ist längst reif für die Reinigung. Ich bin hoch konzentriert dabei, bloß keine ergebnislose und sinnlose Diskussion aufkommen zu lassen. Mit drastischen Worten halte ich das Publikum davon ab sich gegenseitig zu bewaffnen und zum Kampf überzugehen und beschwichtige die Profi-PolitikerInnen, die sich mittlerweile persönlich angegriffen fühlen und ohnehin rhetorisch im Saal allen überlegen scheinen.

Sie steht in der aufgebrachten Menge in einem roten Flokati-Pullover dazu leuchtender Lippenstift

In der Aufregung fällt es mir schwer den Überblick zu behalten, doch in meiner Ausbildung zum Moderator riet uns eine Professorin dazu, immer auch die schwachen Stimmen zu hören und auf graue Mäuse achtzugeben. Ich erblicke eine graue Maus im Publikum. Sie steht mitten in der aufgebrachten Menge in einem rot leuchtenden Flokati-Pullover dazu passender Lippenstift. Ihre schwarze Brille in der einen Hand, mit der anderen wischt sie sich ihre Tränen mit einem Taschentuch ab. Ich setze den Fokus auf sie. Sie kommt jetzt zu Wort. Sie ringt um Worte, hat Mühe zu sprechen. Der Saal war plötzlich still. Sie erzählt von ihrem Friseursalon, der kurz vor der Schließung steht. Ihre älteren Kunden mit dem Rollator können aufgrund der Baustelle den Laden nicht mehr erreichen. Die Friseurin steht für die direkt Betroffenen eines Bauprojektes, die schnell überhört werden. Die es neben Investoren, Haus- und GrundstücksbesitzerInnen und Anwohnenden häufig am härtesten trifft.

Gut vorbereitet sein – heißt in solchen Fällen auch konkret helfen zu können

Wer ein Bauprojekt mit wenig Blessuren überstehen will, der sollte sich im Vorfeld mit allen Betroffenen aktiv austauschen. Lange vor dem Planfeststellungsverfahren. Das Spiel mit offenen Karten kann sich sogar bei gerichtlichen Auseinandersetzungen auszahlen und ist glücklicherweise schon seit einiger Zeit State of the Art.

Manchmal ist die Wahrheit schwer zu ertragen, auch wenn Kollegen trösten wollen

Immer mehr Gäste verlassen den Saal. Das Interview mit den Geschäftsführern kürze ich ab. Ich eile zu meiner Kundin. Mit blassem Gesicht steht sie vor mir. Eine Kollegin wurde am Morgen in der Einfahrt ihres Hauses brutal niedergestochen. Sie war bereits auf dem Weg zur Veranstaltung. Gänsehaut.

Wir entschließen uns, die mehrtägige Veranstaltung, trotz des Schmerzes, weiter durchzuführen

Ich besorgte schnell ein Kondolenzbuch. Das Hotel baute einen Tisch mit einer Kerze auf. Wir gedenken der Kollegin an jedem Morgen und sprechen in den Pausen über unsere Emotionen. Im Nachgang war es gut, die Veranstaltung nicht abzubrechen, sondern im Gespräch zu bleiben. Jeder geht unterschiedlich mit schwierigen Nachrichten um. Es macht die Situation jedoch einfacher, mit einer Person darüber sprechen zu können.

Wir tragen Verantwortung für unsere Mitmenschen

Wie gehen wir mit sensiblen Themen um? In allererster Linie menschlich und mitfühlend. Im zweiten Schritt mit klaren Antworten und Vorschlägen, die ehrlich sind. Das können aber auch mal ernüchternde und belastende Antworten sein: „Wir schließen den Standort hier.“ // „Vor Ihrer Haustür wird sechs Jahre lang eine Baugrube sein.“ – Hier gilt es Angebote zu machen, die Existenzängste der Betroffenen so weit wie möglich abfedern. Kein Veranstalter oder Projektleiter möchte, später am Grab eines Selbstmörders stehen, der keinen Ausweg mehr wusste.

Wir haben da eine Verantwortung für die Menschen, die keine Worte mehr finden.

Die lauten Protagonisten treffen wir allemal munter auf der nächsten Veranstaltung wieder. Das ist ihr Geschäft. Und dann auch meins.

Der Text ist zu Ende. Hier eine Zugabe sozusagen:

Da wir oft über hohe Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt sprechen – noch eine Situation

Ich moderiere einen internen Workshop. Das Format sieht im ersten Schritt vor, dass das gesamte Kollegium auf die Bühne kommt, um sich Luft zu machen. Alle Themen werden ohne Widerworte gehört. Das ist heute die Regel. Nach einigen lauten Wortbeiträgen kommt ein junger Mann auf die Bühne. Er ist sichtlich aufgeregt, schwitzt ein wenig, er sagt, dass er es hier im Betrieb nicht mehr aushält und gekündigt hat. Es ist plötzlich ganz still im Saal, alle schauen fassungslos auf ihn. Die Situation ist sehr emotional. Mir schießen unerwartet die Tränen in die Augen. Ich warte, wische mir die Tränen ab. Es ist immer noch still, er geht wortlos.

Ich danke ihm und bitte den nächsten auf die Bühne. Die Regeln besagen, dass wir nicht antworten. Jedem im Saal ist plötzlich klar, dass ihn keiner bat zu bleiben oder zumindest fragte, warum er nicht mehr aushält.

Ein Tag, an dem ich viel über Stille gelernt habe und mich darin bestätigt fühle:

Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sonst nie öffentlich sprechen würden. Das ist auch mein Job.

#moderationsensiblesthema #konfliktmoderation #buehne #showkonzept

Bildnachweis // Fotografin: Heid Abt // Grafik: Henning Harfst

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